Karl Richter in München - Zeitzeugen erinnern sich
Der Autor des Erinnerungsbuches „Karl Richter in München“ war Mitglied des Bachchors, der
Rezensent Richters Orgelschüler an der Musikhochschule in München. Beide Personen haben
also den berühmten Bach-Interpreten aus nächster Nähe erleben können. Für das im Conventus
Musicus-Verlag in Dettelbach erschienene Buch wurden zahlreiche Interviews ehemaliger
Choristen, Gesangsolisten und Instrumentalisten ausgewertet, die ein beeindruckendes Bild
von Richters Persön-lichkeit als Organist, Cembalist, Dirigent und Orgellehrer
widerspiegeln. Richter war als Mensch und Künstler faszinierend. Sein eher romantisierendes
Bach-Bild atmete, pulsierte, war dem intuitiven Augenblick des Konzertierens ebenso zugetan
wie der streng am Text orientierten musikalischen Bibelauslegung, die dem Pfarrersohn aus
Plauen im Vogtland mit auf den Weg gegeben worden war. Im Dresdner Kreuzchor unter Rudolf
Mauersberger sowie in Leipzig unter der Aufsicht der Thomaskantoren Karl Straube und
Günther Ramin begann Richters Kunst zur Blüte heranzureifen. Der Grundzug seines
musikalischen Schaffens war aus der Tradition der „Leipziger Schule“ nicht wegzudenken.
Zeitzeugen der Münchner Ära Richters wurden nach deren Erinnerungen befragt.
Für das Jahr
2006, in das Richters 80.Geburtstag und sein 25.Todestag fallen, ist nun rechtzeitig diese
umfassend informierende Dokumentation erschienen, der später eine DVD folgen wird. Neben
seinen Fernseh-Aufzeichnungen und den zahlreichen CDs bringt dieses repräsentative Buch dem
Leser Richters Wirken faszinierend nahe. Bereichert wir der Inhalt des Buches durch
Textbeiträge von Dietrich Fischer-Dieskau, Peter Schreier und Joachim Kaiser. Mehrere
bisher nicht veröffentlichte Fotos runden die gemeinsamen Erlebnisse und künstlerische
Aktionen der einstigen Weggefährten Richters eindrucksvoll ab. Zu Wort kommen Gesangs-und
Instrumentalsolisten, die regelmäßig in den Konzerten Richters mitgewirkt haben. Die
überarbeiteten Interviews gewähren einen Einblick in seine musikalische Werkstatt, und die
vielstimmigen Äußerungen der Befragten ergeben ein imponierendes künstlerisches Portrait
der Arbeitsweise und Gesinnungs-welt dieses genialen Musikers und einzigartigen Menschen.
Man wird auf Richters Reisen in die damalige Sowjetunion, nach Amerika, Japan und in die
Metropolen Europas mitgenommen, wo er als Dirigent der großen Oratorien Bachs
enthu-siastisch gefeiert wurde. Man erfährt, dass Richter auch als Operndirigent in den
Hochburgen München und Wien erfolgreich war, dass seine Karriere vom Organistenamt an
St.Markus in München und den Bachwochen in Ansbach ausging, dass er jene Orte zu einem
Eldorado für Kantatenaufführungen, Orgel- und Kam-merkonzerte ausgebaut hatte. Richter war
in seinem ureigensten Wesen ein in sich geschlossener Mensch, den die Öffentlichkeit und
vieles Herumreden störte. Bei den Proben, er hatte jede Note und jeden Takt im Kopf, kam er
gleich auf den Punkt. Allein mit den Augen und mit sparsamen Bewegungen konnte er
intensiven Kontakt zwischen Chor und Orchester herstellen. Im Konzert wurde alles Musik,
man schwebte dann auf Wolken.
Richter war ein unbequemer Künstler, der Anstösse gab, solche
aber auch erregte. Sein Musizieren kam aus dem Innersten und war ein ständiges Brennen. Man
erlebte in jedem Konzert etwas Neues, ein Gestalten aus dem Augenblick heraus.
Fachgespräche mied Richter, weil er seinen spontanen Regungen mehr folgte als akademischen
Überlegungen. Sinnzusammenhänge zwischen Musik und Wort wurden durch die Leuchtkraft und
Elektrizität seine Kunst lebendig gestaltet.
Dr. Klaus Linsenmeyer
(Musica Sacra)
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Einladung zur Selbstreflexion
Vor 25 Jahren, am 15. Februar 1981, starb in München der Organist und Dirigent Karl
Richter; im Oktober würde er 80 Jahre alt. Richter hat den Interpretationsstil der Werke
Johann Sebastian Bachs seit Beginn der 1950er Jahre entscheidend mitgeprägt, in unzähligen
Konzerten und vielen Schallplatten-Produktionen, als Solist am Tasteninstrument,
nachhaltiger aber noch als Leiter seines Münchener Bach-Chores und Bach-Orchesters. Gründe
genug für Johannes Martin, ehemaliges Mitglied des Bach-Chores, mehr als zwei Dutzend
Zeitzeugen zum „Phänomen Richter“ zu befragen, unter ihnen die Vokalsolisten Ursula Buckel,
Kieth Engen, Ernst Haefliger, Julia Hamari, Edda Moser, Siegmund Nimsgern, Anna Reynolds
und Hertha Töpper, Instrumentasolisten wie der Hornist Hermann Baumann, der an Violoncello
und Gambe tätige Johannes Fink, Kurt-Christian Stier, der eine Zeit lang als Konzertmeister
des Bach-Orchesters agierte, die Flötisten Peter-Lukas Graf, Paul Meisen und Aurèle Nicolet
sowie die Orgel- und Cembalospieler Elmar Schloter und Friedemann Winklhofer; außerdem
einstige Chor-Mitglieder.
Martin hat die Interviews, einige andere Textbeiträge (u.a. von Kritiker-“Papst“ Joachim
Kaiser) und eine Vielzahl von Fotos nun in einem ansehnlichen Band von 275 Seiten Umfang
veröffentlicht, eingerahmt von einer biographischen Skizze Roland Wörners und einer
stichwortartigen Chronik.
Entstanden ist ein lesenswertes Buch, das in der Summe der
geäußerten Erinnerungen und Meinungen ein facettenreiches Bild von der nicht gerade
leutseligen Künstlerpersönlichkeit Richters zeichnet und viel Atmosphärisches vermittelt,
insbesondere von seinen Bach-Aufführungen in München, bei der Bachwoche Ansbach und auf
Tourneen weltweit. Der in den Interviews vorherrschende Plauderton hätte freilich einiges
mehr an straffender und glättender Textredaktion vertragen können, ohne dass es dem
lebendigen Gesamtbild Abbruch getan hätte; manche Abschweifung ist für den am eigentlichen
Thema interessierten Leser rundweg verzichtbar, mag sie auch ein bezeichnendes Licht auf
den sich äußernden Zeitgenossen werfen (beredtes Beispiel: die von jeder Bescheidenheit
ungetrübten Äußerungen Edda Mosers zu ihren Leistungen als Mozart-Sängerin, S. 158ff.)...
Warum das Buch aber überhaupt hier vorstellen, in einer der historischen Aufführungspraxis
verpflichteten Publikation? Natürlich nicht, weil Johannes Martin, der erklärtermaßen „hin
und wieder gerne Ausflüge in die Originalklangszene“ unternimmt (S. 6), zu Beginn seines
Vorworts aus einem CONCERTO-Interview mit Dietrich Fischer-Dieskau (Nr. 203) zitiert. Eher
schon, weil einige Zeitzeugen die (Nicht)Auseinandersetzung Richters mit der historischen
Aufführungspraxis ansprechen, deren Erfolgsgeschichte sich zeitlich nahezu parallel zu
seiner Karriere ereignete. So erinnert sich Richters Weggefährte Johannes Fink an einen
Auftritt von Nikolaus Harnoncourt beim Münchener Bachfest 1965: „Da waren wir miteinander
im Konzert, und da hat man gemerkt, dass er (Richter) überhaupt nichts anfangen konnte mit
dieser neuen Art, die da entstanden ist“ (S. 62). Aurèle Nicolet hingegen bemerkt zur
historischen Aufführungsweise barocker Werke: „Das ist die Zeit... von Versailles. Warum
immer reduzieren, um original zu sein. Wir haben sehr viel für die Interpretation der
Barockmusik zum Beispiel durch Harnoncourt gelernt, aber es fehlt mir sehr oft eben das
„Jubiloso“ dieser Musik“ (S. 163).
Eine Kritik, die auf so manche Aufführung mit
Barockinstrumenten sicher mit Recht zielt, bei so mancher auf modernem Instrumentarium aber
ebenso angebracht wäre. - Was uns zur Reflexion über den besonderen Bach-Stil Richters
führt, der weder mit dem Schlagwort vom „romantisierenden“ noch vom „sachlichen“ Musizieren
annähernd zu fassen ist. Das betrifft zum einen das offene, eher vibratolose Stimmideal
seines Bach-Chores, das Richter, der ehemalige Dresdner Kruzianer und Leipziger
Thomasorganist, ebenso aus dem Protestantismus seiner sächsischen Heimat nach München
importiert haben mag wie die nach heutigen Maßstäben durchaus barock wirkende Drastik
seiner musikalischen Gesten. Das betrifft zum anderen die selbstbewusste
Generalbassbegleitung, die Richter auf Orgel und Cembalo verlangte. Sie ist inzwischen auch
von vielen Vertretern der historischen Aufführungspraxis wieder als wesentliches Element in
der Ensemblemusik Bachs und seiner Zeitgenossen erkannt worden. Neueste Einspielungen von
Künstlern wie Andreas Staier und Christian Brembeck belegen überdies, dass sich
Spezialisten historischer Claviere jetzt häufiger wieder Cembali mit volltönendem
16´-Register zuwenden - wenn die heute bevorzugten Instrumente auch entschiedener auf
Originalen des 18. Jahrhunderts basieren, als es bei dem modernen Neupert-Cembalo der Fall
war, das Richter damals favorisierte.
Eines noch ruft Johannes Martins Buch nachhaltig in Erinnerung: Musikalische
Interpretationsgeschichte ist weit weniger von den Zeitumständen abhängig als von
Künstlerpersönlichkeiten.
behe
(Concerto)
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Musiker der Ekstase
Mit dem von ihm gegründeten Münchener Bach-Chor und -Orchester formte er ein ganz eigenes
Bild des Thomaskantors. Am 15. Oktober wäre Karl Richter 80 Jahre alt geworden.
Man nannte ihn „Karl der Große“ oder auch „Horowitz der Orgel“, was nicht unbedingt als
Kompliment für Karl Richter, den deutschen „Bach-Papst“ der 1950er und 1960er Jahre des
vorigen Jahrhunderts, gemeint war. Denn seine Aufführungspraxis der Werke des Thomaskantors
- und um sie ging es in der Hauptsache - war durchaus umstritten. So wurden gelegentlich
Vorbehalte laut, Richters Bach klinge „zu emotional und romantisch, zu satt und opulent“.
Dabei ließ Richter keine Grenze zwischen den Epochen gelten: Für ihn war Musik ein
geformter, lebendiger Ausdruck im Gewand dieser oder jener Zeit. Was auch immer an
kritischen Einlassungen gegen sein „Bach-Bild“ vorgetragen worden mag sein, sie können die
Bedeutung seiner künstlerischen Leistung nicht schmälern, mit dem von ihm 1953 gegründeten
Ensembles Münchener Bach-Chor und Münchener Bach-Orchester eine Tradition der Bachpflege
geschaffen zu haben, deren Wirkung weit in die Welt hinausstrahlte.
...Ein „lebendiger Bach“ sollte es sein im Gegensatz zu dem an den meisten Aufführungsorten
dargebotenen „sterilen“ Bach. Mit diesen beiden Ensembles gelang es ihm, zuerst in München,
dann in Deutschland und schließlich - nach dem Auftritt bei den Ansbacher Bachwochen 1956,
als deren künstlerischer Leiter er von 1955 bis 1964 wirkte - auch international ein
breites Publikum für die Musik Bachs zu begeistern.
...Richters Erfolg beruhte nicht zuletzt auf einem weit verzweigten Netz von Sängern und
Musikern..., die zum Teil jahrzehntelang mit Richter zusammenarbeiteten. In seiner
Dokumentation „Karl Richter in München 1951 - 1981“ lässt Johannes Martin, der noch unter
Richter im Münchener Bach-Chor gesungen hat, eine Reihe von ihm befragter Zeitzeugen zu
Wort kommen. Eindrucksvoll beschreibt dort unter anderen Dietrich Fischer-Dieskau Richters
musikalisches Faszinosum: „Bei der Erwähnung nur des geringsten Details leuchteten seine
Augen auf, und sein Interesse war geweckt. Und keiner wird den Ausdruck erfüllter Hingabe
vergessen, den die von ihm interpretierte Musik auf sein Gesicht zauberte, auch noch lange
nach der Aufführung.“...
Adelbert Reif
(Fono Forum)
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Als Karl Richter am 15. Februar 1981 mit 54 Jahren an Herzversagen starb, ging eine große
Ära zu Ende. Aus Anlaß des 80. Geburtstages und 25. Todestages des bedeutenden Organisten,
Cembalisten und Dirigenten im Jahre 2006 veröffentlichte der Verlag Conventus Musicus
Dettelbach ein Buch, in dem Zeitzeugen, Künstler und Choristen, die in den drei Jahrzehnten
der Münchner Ära mit Karl Richter gearbeitet haben, von ihren Erinnerungen und Erlebnissen
sprechen.
Es scheint nicht übertrieben, Richter als den ersten modernen Bach-Spezialisten zu
bezeichnen: Er hat in einer Zeit, in der die großen Star-Dirigenten sich eher unsicher und
oft auch ratlos dem Werk des lange Verschollenen näherten, nicht nur große Teile des Vokal-
und Orchesterwerkes in Interpretationen von bis dahin ungekannter Perfektion präsentiert,
sondern auch das Orgelwerk als Konzertmusik eingeführt: als auswendig spielender Interpret,
was zu der damaligen Zeit eine Sensation darstellte.
Richters Spätphase vor seinem frühen Tod 1981 fällt in die Zeit der bereits erwachten und
immer mehr erstarkenden Bewegung der historisch orientierten Aufführungspraxis, und mit
einer gewissen Wahrscheinlichkeit kann man spekulieren, daß er, wenn er länger gelebt
hätte, als Repräsentant der Leipziger Bach-Tradition, herkommend von Persönlichkeiten wie
Karl Straube und Günther Ramin, recht bald als ein Relikt aus vergangenen Zeiten gegolten
hätte. Heute ist dieser Traditionsstrang zumindest in der breiten öffentlichen Wahrnehmung
praktisch abgerissen; auch beim noch existierenden Münchner Bach-Chor zeichnet sich eine
vorsichtige Annäherung an die heute herrschenden Konventionen ab. Man kann zuspitzen: Mit
dem Vibrato geht auch ein Gutteil der interpretatorischen Individualität verloren, die
Richter zu seiner Zeit verkörperte.
Gerade in dieser Phase der Rezeptionsgeschichte, in der das Bild Richters immer mehr
verblaßt, ist eine Veröffentlichung zu begrüßen, die anhand von Zeugnissen derjenigen, die
Richter noch persönlich erlebten und, mehr noch, eng mit zusammenarbeiteten, wertvolles
Material zu einer bemerkenswerten Persönlichkeit der neueren Musikgeschichte konservieren.
Karl Richters lang anhaltender Erfolg, seine seinerzeit immense und auch international
einsame Autorität auf dem Gebiet der barocken Musik war nicht zuletzt auch einem
weitverzweigten Netz von Musikern zu verdanken. Sowohl die Gesangssolisten wie auch die
wichtigsten Instrumentalisten gehörten zur damaligen Welt-Elite, waren aber vor allem auf
Richters Stil eingeschworen. Sänger wie Edda Moser, Anna Reynolds, Hertha Töpper, Ernst
Haefliger, Peter Schreier, Kieth Engen und Dietrich Fischer-Dieskau arbeiteten zum Teil
jahrzehntelang mit Richter zusammen; dazu kam ein Pool von Instrumentalisten wie dem
Hornisten Hermann Baumann, dem Violoncellisten und Gambisten Johannes Fink, dem Flötisten
Aurèle Nicolet, sowie dem Oboisten Kurt Hausmann. Mit den meisten Vertretern des engsten
musikalischen Umfeldes Richters, und darunter allen eben genannten, hat der Initiator und
Realisator dieses Projektes gesprochen.
Johannes Martin hat unter Richter noch im Bach-Chor gesungen und diese späten, in den
letzten Jahren aufgezeichneten Augen- und Ohrenzeugenberichte in einer Monographie zu Karl
Richter zusammengefaßt. Geradezu systematisch hat Martin die noch lebenden Musiker
angefragt und die Auskunftswilligen konsultiert; die Antworten sind, sehr gut strukturiert
und mit Zwischenüberschriften versehen, in kleine Kapitel zusammengefaßt, die jeweils einem
Musiker gewidmet sind. Martin hat die jeweiligen Gesprächstermine angegeben und die
Auskunftgebenden fotografiert, was reizvolle Vergleiche zwischen den in großer Menge
wiedergegebenen alten Fotos und dem heutigen Aussehen ermöglicht. Martins sehr lobenswerte
philologische Sorgfalt in der Dokumentation der Zeugnisse hat ihn dazu gebracht, die
gesprochene Rede vielleicht etwas zu wenig redigiert wiederzugeben; andererseits ist
der Charakter des lebendigen Gesprächs erhalten.
Ohnehin handelt es sich bei diesen Zeugenberichten durchgängig um keine tiefschürfenden
Analysen des Richterschen Stils oder gar seiner künstlerischen Person.
Die Künstler
erzählen, wie sie mit Richter bekannt wurden, berichten von besonderen Konzerten und
Konzertreisen, und geben zum Teil auch bereitwillig Auskunft über eigene Probleme und die
kleinen in Sängerkreisen kursierenden Tricks, mit ihnen fertig zu werden. So gilt, was über
jede Einlassung und jedes Urteil über Dritte zu sagen ist: Daß man mindestens soviel über
denjenigen erfährt, der Auskunft gibt, wie über den, über den Auskunft erteilt wird. So
berichtet Hermann Baumann offen von seinem Schlaganfall, den er 1998 erlitten hat, und vom
mühsamen Weg der Besserung, und Edda Moser über die traurigen persönlichen Umstände, unter
denen sie 1967 Richter kennenlernte. Doch am meisten erfährt man natürlich über die
Beziehung der Musiker zum Dirigenten.
Besonders die Sänger berichten immer wieder auch von
Problemen mit Richters Tempi, geben jedoch in den allermeisten Fällen im selben Atemzug
auch zu, daß Richter das Tempo jeweils von innen fühlte, nicht etwa von außen diktierte –
und daß die Tempi bei aller Anstrengung, die sie für die Sänger bedeuteten, immer zu
außerordentlichen Resultaten führten. Eine interessante anekdotische Tempobegründung
Richters gibt Kieth Engen wieder: Bei einer Amerika-Tournee zeigten sich die Zuhörer
irritiert ob des breiten Tempos des Choralvorspiels zu Wachet auf, ruft uns die Stimme.
Richter rechtfertigte es mit einem Verweis auf die Jungfrauen aus der Bibel-Stelle, die ja
erst aufgeweckt würden: „Und wenn man vom tiefen Schlaf kommt, kommt man nicht sofort in
ein Tempo, das so schnell ist. Man muß es langsam angehen“.
Das Ausmaß an Ehrlichkeit, das die Sänger, aber auch die Instrumentalisten in ihren
Zeugnissen hören lassen, wirkt einer einseitigen Legendenbildung entgegen und läßt
andererseits das immer wieder und sehr emphatisch geäußerte Lob Richters um so
authentischer hervortreten.
Aus den kritischen Tönen lassen sich aber auch, das Bild
Richters für die Nachgeborenen bereichernd, dessen schwierige Seiten erahnen: Daß Richter
nämlich kein Kumpeltyp war, sondern im alltäglichen Umgang eher scheu, zudem in den Proben
– wie so viele große Dirigenten – kein Meister der Eloquenz, sondern einer, der mehr
vorlebte als verbal zu vermitteln. Vieles mußte sich offenbar eher indirekt erschließen,
was Richter musikalisch wichtig war. Solche Rekonstruktionsleistungen sind denn auch die
wertvollsten Stellen dieses so verdienstvollen Buches, etwa, wenn Hertha Töpper Karl
Richters Stil beim Vortrag der Rezitative würdigt: „Ich glaube, es waren ihm im Rezitativ
die Worte weniger wichtig – verstehen sollte man sie schon –, aber man sollte nicht in
einem Sprechton singen und den Duktus der Melodie vernachlässigen. Ihm war die Dichte der
Melodie wichtig“.
Gerade in dieser Zusammenfassung von wichtigen Charakteristika der Person Karl Richter und
dem mit ihm vergangenen Stil liegt vielleicht sogar die Möglichkeit begründet, daß dieses
Buch sogar eine gewisse therapeutische Wirkung gegenüber einigen Problemen des heutigen
Barock-Bildes entfaltet: Man höre etwa noch einmal Hertha Töpper, die mahnt, das Publikum
könne den Zusammenhang der Rezitative, ihrer oftmals komplexen Syntax, nicht verstehen,
„wenn man sich selbst von Beistrich zu Beistrich hangelt“ und dabei die Melodie verliert.
Vielleicht wirkt das Buch somit auch als eine Art Gegengift gegen einige der heute
grassierenden Barock-Irrtümer oder zu kurz gedachten Dogmen.
Michael B. Weiß
(Klassik heute)
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Karl Richter - Eine dreiteilige DVD-Dokumentation von Karl Richters Wirken in München
„Bach verlangt ein Espressivo“
In Leipzig wuchs er in der Kantorentradition Johann Sebastian Bachs auf, hatte Unterricht
bei Karl Straube und Günther Ramin; nach seiner Übersiedlung in den Westen Deutschlands
baute er München, das katholisch-konservative, zur protestantisch innovativen Bach-Hochburg
aus. Tonangebend im eigentlichen Sinn des Wortes waren dabei die beiden von ihm
gegründetetn Ensembles, der Münchener Bach-Chor und das Münchener Bach-Orchester, beide
ganz auf Karl Richters künstlerische Persönlichkeit eingeschworen.
Mit ihnen gastierte Richter in der Alten und Neuen Welt, von Südamerika bis nach Tokio; mit
ihnen machte er eine Vielzahl exemplarischer Schallplattenaufnahmen, die bis heute
unverzichtbare Konstanten des Repertoires geblieben sind. Und stets konnte er sich dabei
auf eine eingeschworene Schar von solistischen Mitstreitern verlassen: Ursula Buckel
(Sopran), Hertha Töpper oder Julia Hamari (Alt), Ernst Haefliger und Horst Laubenthal
(Tenor), Kieth Engen (Bass), Johannes Fink (Gambe), Peter-Lukas Graf und Aurèle Nicolet
(Flöte), Hermann Baumann (Horn) und Kurt Hausmann (Oboe).
Sie alle - sowie zahlreiche Mitglieder des Bach-Chors und -Orchesters - erinnern sich in
dieser dreiteilig angelegten Video-Dokumentation von Johannes Martin an ihre legendäre
Zusammenarbeit mit Karl Richter, an diesen impulsiv-emotionalen Musiker, der ein Werk in
jeder Aufführung von neuem aus seinem inneren Fühlen entstehen ließ. Schöpferisches
Musizieren hieß seine Devise, als Dirigent, als Organist oder als Cembalist. Puristische
Stildiskussion über historische Authentizität, überhaupt musikwissenschaftliche
Rechthaberei, sie hatten in seinem Musizieren, wo gestalterische Kreativität derart
ultimativ ihre Eigengesetzlichkeit geltend machte, keinen Platz.
Zusammengestellt wurde diese Dokumentation anhand einiger (weniger) ZDF-Filmaufnahmen,
ergänzt mit zahreichen Fotos aus dem Karl-Richter-Archiv des Conventus Musicus
(Dettelbach). Man erlebt Richter an der Orgel wie am Cembalo, sieht ihn mit seiner getreuen
Schar in Münchens diversen Konzertsälen sowie in „seiner“ Markuskirche arbeiten, kann ihm
bei den Proben zuschauen sowie bei Aufführungen und nimmt an den Konzertreisen des
Münchener Bach-Chores und -Orchesters teil. Zahlreiche aufschlussreiche Interviews
ergänzien diese lebendig gestaltete und sehr beeindruckende Dokumentation.
Interviews mit Karl Richter selber (fast überheblich wirkt er manchmal, wenn er spricht),
vor allem aber mit seinen damaligen Solosängern und, immer wieder, mit Mitgliedern des
Bach-Chors und Bach-Orchesters. Man erfährt Wesentliches über die damalige Disziplin des
Musizierens und über das Bewusstsein all dieser Sänger und Instrumentalisten, hier an etwas
künstlerisch Einmaligem partizipiert zu haben.
Hörend können auch wir partizipieren, dank der vielen eingeblendeten Live-Mitschnitte, die
sich erhalten haben - aus Tokio und Moskau, aus Ansbach und Ottobeuren. Meistens steht
Johann Sebastian Bach auf dem Programm, die beiden Passionen, die h-Moll-Messe, Motetten
oder Kantaten. Aber auch Haydn kommt zum Zug, „Die Jahreszeiten“ und „Die Schöpfung“,
Bruckners „150. Psalm“ und Regers „Nachtlied“, Dvoraks „Stabat Mater“ oder Mendelssohns
„Elias“. Alles (leider) fast ausnahmslos nur in Musikausschnitten, ohne begleitendes
Filmbild, aber mit zahlreichen Fotos illustriert.
„Bach verlangt ein Espressivo, das nach Innen geht“ sagte Karl Richter einmal. Hier, in
dieser gross-angelegten Dokumentation, ist es noch einmal in unprätentiöser Ausführlichkeit
mitzuerleben.
Werner Pfister
(Neue Züricher Zeitung)
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Trilogia «Karl Richter in München»
La trilogia di documentari in DVD «Karl Richter in München» ripercorre e documenta
minuziosamente tutta l’attività di Karl Richter a partire dal 1951 fino alla sua prematura
scomparsa nel 1981 con l’ausilio di filmati e registrazioni d’epoca, locandine, articoli di
giornale e soprattutto grazie alle preziose testimonianze di molti solisti, coristi e
strumentisti che hanno lavorato con lui e che Johannes Martin, lui stesso membro del
Münchener Bach-Chor dal 1965 al 1970, ha potuto intervistare in questi ultimi anni.
Ognuno dei tre volumi è organizzato in ordine cronologico, ma i vari volumi non procedono
in serie tra loro come si potrebbe pensare: tutti e tre percorrono il trentennio ’51-’81 ma
ciascuno con un diverso punto di vista.
Il primo volume, intitolato «Solisti - Concerti - Tournée», dà un inquadramento generale
abbastanza completo dell’attività del maestro e della sua orchestra nell’arco del
trentennio 1951-1981 inclusi gli ultimi mesi di vita; abbiamo così la possibilità di venire
in contatto con la realtà di Richter e del coro e orchestra Bach di Monaco.
Il secondo volume, «Bach-Chor e Bach-Orchester» è dedicato in particolare alle
caratteristiche del coro e dell’orchestra e all’attività di Richter come direttore. Si
assiste dunque al progressivo sviluppo del coro e all’avvicendamento dei vari solisti,
molti dei quali sono oggi di fama mondiale, e non parlo solo dei cantori, basti pensare a
Maurice André, che fu membro dell’orchestra per alcuni anni.
Il terzo e ultimo volume, «Fascino e interpretazione», analizza più da vicino la figura di
Karl Richter, cerca di spiegare l’influenza che aveva sui coristi e sugli strumentisti, ma
non solo: buona parte di questo volume è dedicata alle sue capacità di solista, come
organista o clavicembalista, e di improvvisatore quando ad esempio si trovava a suonare il
basso continuo delle composizioni di Bach; poiché infatti l’indicazione del basso continuo
è solo di massima, ogni esecuzione risultava unica.
I racconti dei testimoni ci presentano quei lati di Karl Richter che molti di noi non hanno
potuto conoscere: il rapporto che aveva con i musicisti, i criteri con cui sceglieva i
componenti, il modo di spiegare ed insegnare la musica agli studenti, il carattere, il
carisma. Tra le testimonianze più significative troviamo a mio avviso quelle del solista
basso Kieth Engen e del flautista Aurèle Nicolet, i quali, avendo avuto un rapporto
particolarmente stretto con Karl Richter, raccontano spesso episodi a cui hanno assistito,
che dimostrano chiaramente il valore artistico del maestro.
Le numerose interviste ai testimoni, che costituiscono gran parte del documentario, sono
inframmezzate da estratti musicali più o meno ampi oppure da filmati d’epoca riguardanti
attività concertistiche, prove o audizioni. Nelle prove si nota la capacità che aveva
Richter di comunicare con gli esecutori, di far «scorrere» la musica attraverso di lui,
capacità propria di pochi altri direttori nella storia. Nel terzo volume inoltre si trovano
confronti tra diverse direzioni dello stesso Richter in cui vengono fatte notare scelte
interpretative spesso diametralmente opposte tra loro, in particolare per quello che
riguarda i tempi.
Si tratta dunque di una documentazione che non dovrebbe mancare nelle videoteche degli
estimatori di Karl Richter. Una miniera di informazioni che sarebbe praticamente
impossibile reperire autonomamente e che permette anche di apprezzare qualche dettaglio
delle sue interpretazioni che magari ci è sempre sfuggito, pur avendole ascoltate e
riascoltate dai dischi. A chi, come me, non ha avuto anagraficamente la possibilità di
assistere a nessun concerto diretto dal «professor Richter», consiglio a maggior ragione
questa trilogia che racconta un pezzo di storia della musica, che è anche storia dell’arte
(cosa che in Italia si tende troppo spesso a dimenticare).
Tutti i DVD contengono due tracce audio: una in tedesco e un’altra identica ma con una
traduzione simultanea in inglese. Coloro che hanno una conoscenza anche solo scolastica
dell’inglese non dovrebbero incontrare grosse difficoltà di comprensione, anche se dovranno
quasi certamente ascoltare più volte alcuni passi a causa di qualche vocabolo o forma che
potrebbe essere poco familiare.
Alberto Alvino
(Musica classica ieri e oggi)
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Subjektives Espressivo
Rare Film- und Tondokumente erinnern an den Dirigenten Karl Richter und seinen Münchner
Bach-Chor
Karl Richter wuchs in der sächsischen Kantorentradition auf, übte auf Silbermanns
Freiberger Domorgel, wurde noch von Karl Straube als Schüler angenommen und als ganz junger
Mann Organist an der Leipziger Thomaskirche. Karriere macht er in München, wo er sich an
der Markuskirche einen eigenen Bach-Chor aufbaute und im katholischen Bayern ein Stück
protestantische Kirchenmusik als lebendige Tradition vermittelte. Richter wurde zum
Plattenstar. Er tourte weltweit auch als Cembalist und Organist. In Bachs Reich gab es
keine Götter neben ihm. Doch als er an seinem zweiten Herzinfarkt im Alter von
vierundfünfzig Jahren starb, traten viele Propheten auf den Plan. Ein Bach-Dirigent, der
Knappertsbusch bewundert hatte, musste zwangsläufig und schnell von der Originalklangwelle
begraben werden. Die Passionsaufführungen wurden kürzer, die Chöre kleiner, die Instrumente
älter. Richter war plötzlich persona non grata. Man rümpfte öffentlich die Nase über sein
subjektivistisches Espressivo, große Chorbesetzungen und die h-moll Messe als
Monumentalgemälde samt Trompetengeschmetter. Doch auch diese Zeiten sind inzwischen vorbei.
Für heutige Ohren bleibt Karl Richter verbunden mit einem faszinierenden Kapitel
Interpretationsgeschichte, das zeigt, wie viel Richtiges im (historisch) Falschen stecken
kann.
Die Deutsche Grammophon hat schon zum Richter-Jubiläum 2006 eine Reihe von
Fernsehproduktionen, darunter die Bach- Passionen, auf DVD herausgebracht. Doch Richter war
kein Mann des Studios. Deshalb kommt einer anderen DVD-Reihe großes Gewicht zu, die der
Conventus Musicus Dettelbach sukzessive auf den Markt brachte. In liebevoller Kleinarbeit
hat Johannes Martin (Text und Kamera) rare Film- und Tondokumente aus Richters Münchner
Jahren gesammelt und zahlreiche Zeitzeugen interviewt. Heraus kommt keine
Heroengeschichtsschreibung wie oft bei den offiziellen Richter-Filmen, sondern ein Puzzle,
das einen unnachahmlichen Bach-Stil aus der Perspektive der Mitwirkenden beleuchtet. Der
Münchner Bach-Chor war, man muss sich das vergegenwärtigen, ein Laienensemble, das etwa im
Jahr 1967 an hundertfünfzig Abenden im Jahr beschäftigt war. Auch im Ferienmonat August
wurde voll durchgeprobt. Chormitglieder berichten von Konzerten in Monreale und Moskau, der
Hornist Hermann Baumann erzählt, dass er nach seinem Solo in der h-moll Messe («Quoniam tu
solus sanctus») im Chor mitsang, einfach um teilzuhaben am Live-Ereignis der Aufführungen.
Anna Reynolds, Hertha Töpper, Edda Moser, Kieth Engen und andere von Richters bevorzugten
Gesangssolisten, erinnern sich (meist) ohne Eitelkeit an musikalische, menschliche und
akustische Details. Richter taucht in vielen, oft privaten Filmschnipseln auf: ein
zweifellos scheuer und schwieriger Musiker, genialisch, aber auch abweisend, schroff,
bisweilen verletzend in seiner Art. Wie er in Musik aufging und mit welcher
Suggestionskraft er seine Hörer ins musikalische Geschehen hineinziehen konnte, davon
können diese DVDs zumindest eine Ahnung vermitteln. Nicht zuletzt deshalb, weil ihr
Tonmaterial primär aus unveröffentlichten Live-Mitschnitten besteht.
Stephan Mösch
(Opernwelt)
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Karl Richters Wirken
Von München breitete sich Karl Richters Ruhm als bedeutender Bachinterpret in alle Welt
aus. Sein Musizierstil, inspiriert von der Leipziger Bachpflege eines Karl Straube und
Günther Ramin, deren Schüler er war, kannte nicht die historisierende Praxis, lotete tief
aus überzeugter Religiosität und ließ sein musikalisches Credo in der Wiedergabe der
Oratorien glühend zum Ausdruck kommen, wobei ein angemessenes „romantisches“ Empfinden
sensibel in die Musik eindrang.
Die letzte Folge der dreiteiligen DVD Dokumentation von Richters Wirken in München mit dem
Titel „Faszination und Interpretation“ fasst das Schaffen dieses genialen Musikers als
Dirigent, Organist und Cembalist beeindruckend zusammen, wie er sich als Kantor der
Markuskirche, als Orgelprofessor an der Musikhochschule und als weitgereister Bachdirigent
völlig in den Dienst der sakralen und weltlichen Musik stellte. Aufschlussreich
durchwandert diese hervorragend recherchierte und mit bisher unveröffentlichtem
Archivmaterial ausgestattete DVD die Stationen seines künstlerischen Wirkens, wobei als
Zeitzeugen ehemalige Mitglieder des Bachchors und des Bachorchesters sowie eine
eingeschworene Schar von Gesangs-und Instrumentalsolisten, darunter Lotte Schädle (Sopran),
Hertha Töpper und Julia Hamari (Alt), Ernst Haefliger und Horst Laubenthal (Tenor), Kieth
Engen und Karl Christian Kohn (Bass), Johannes Fink (Gambe), Peter-Lukas Graf und Aurel
Nicolet (Flöte), Hermann Baumann (Horn) und Kurt Hausmann (Oboe), in Interviews spontan
über ihre Erfahrungen bei der Begegnung Richters und im Miteinander des Musizierens als
Geschenk erlebnisreicher konzertanter Auftritte erzählen.
Richters starke Persönlichkeit
und sein empfindlicher Charakter fallen ebenso ins Gewicht wie seine Interpretationen, die
stets von einem schöpferischen, inspirierten und auch improvisierten Musizieren (keine
Aufführung glich der anderen) ausgingen, dennoch gekennzeichnet von einer geradlinigen
Disziplin des Auslotens der Partitur.
Immer wieder erfährt man, dass puristische Stildiskussionen über historische Authentizität
in seinem Musizieren keinen Platz hatten. Johannes Martin stellte eine umfassende und sehr
informative Ton-und Bild-Dokumentation zusammen, mit Live-Mitschnitten aus Kirchenkonzerten
in Ansbach, Ottobeuren und München, aus Konzertsälen in Moskau, Tokyo und München. Man
erlebt Richter als Organisten in einem ZDF-Film von 1967 mit Teilen aus Bachs Toccata und
Fuge d-Moll, gespielt auf der neuen Orgel der Markuskirche, und als Cembalist in einem
Probenausschnitt mit den Goldberg-Variationen. Im Mittelpunkt der DVD stehen Bachs
Matthäus-und Johannespassion und die h-Moll-Messe. Einblicke in Brahms’ „Fest-und
Gedenksprüche“ und in Händels „Judas Maccabäus“ runden diese exzellente Dokumentation ab.
Klaus Linsenmeyer
(Musica Sacra)
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Karl Richter - Zeitdokumente
Noblesse und Sorgfalt
Vor 30 Jahren ist der Organist, Cembalist und Dirigent Karl Richter gestorben, im Oktober
wäre er 85 Jahre alt geworden. Auch wenn sich die Klangvorstellungen von Barockmusik seit
Richters Zeiten fundamental geändert haben: Seine Verdienste sind unbestritten, und es gibt
nicht wenige Hörer, die seinem subjektiv zupackenden, aus der Tradition von Günther Ramin
und Karl Straube kommenden Musizieren nach wie vor gerne zuhören. Das ist leicht möglich,
denn Richter war ein Medienstar, der als Exklusiv-Künstler der Deutschen Grammophon eine
Platte nach der anderen aufgenommen hat. Für die Möglichkeiten, die sich ihm in München
boten, lehnte er sogar das Angebot ab, Thomaskantor (in der DDR) zu werden. Mit seinem
Münchener Bach-Chor und Bach-Orchester bereiste er die Welt, als Japan- und USA-Tourneen
noch keine Selbstverständlichkeiten waren. Legendär sind Aufführungen der Bach-Passionen
selbst in Russland. Mit dabei immer führende Gesangssolisten, nicht nur solche, die sich
fast ausschließlich im Oratorienfach profilierten, sondern auch Bühnenmenschen wie Ingrid
Bjoner, Irmgard Seefried oder Golltlob Frick. Das sorgte für Belebung auf beiden Seiten.
Nach einer Film-Trilogie legt der Conventus Musicus nun eine auf sieben Bände angelegte
Buchreihe mit Zeitdokumenten zu Karl Richter vor. Die ersten drei Bände sind bereits
erschienen und umfassen die Jahre 1951 bis 1967. Es sind liebevoll zusammengestellte
Fotoserien, Programmheft- und Zeitungsauszüge sowie O-Töne von Zeitzeugen. Richters Chor
bestand aus professionell trainierten Laien und hatte ein Durchschnittsalter von 24 Jahren
(!). Für viele, die damals mitgesungen haben, sind die Eindrücke prägend gewesen. Insofern
werden die Bände viele Erinnerungen bekräftigen. Man kann sie aber auch lesen als kleine
Geschichte der Musikkritik. Die Noblesse und Sorgfalt etwa, mit der Heinz Josef Herbort
eine USA- und Kanada-Tournee für die "Zeit" begleitete (und der Platz, den er für seinen
Bericht zur Verfügung hatte!) - all das ist selten geworden. Karl Schumann von der
"Süddeutschen", alles andere als ein euphorischer Schwärmer, bezeichnete Richter als
"Persönlichkeit mit Geniezügen", was durchaus sachlich gemein war. Und Joachim Kaiser
diskutierte, wie einzelne Fugen-Durchführungen im Rahmen der Ansbacher Bachwochen gespielt
wurden. Auch daran zu erinnern, kann nicht schaden in Zeiten, wo Musik weniger aus Noten
besteht als aus Events.
Stephan Mösch
(Opernwelt)
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Bestmöglichste Form
Im Verlag Conventus Musicus wird größter Wert auf die Pflege des Erbes von KARL RICHTER gelegt. Das hat seinen guten Grund. JOHANNES MARTIN, am Bayerischen Staatskonservatorium Würzburg und an der Musikhochschule München ausgebildeter Schulmusiker und mehr als fünf Jahre Mitglied des Münchener Bach-Chores, hat den Verlag selbst aufgebaut. Nun legt er mit „Karl Richter – Zeitdokumente“ eine neue bedeutende Sammlung vor, in der das dreißigjährige Wirken Richters in München sorgsam nachgezeichnet wird. Inzwischen liegen die ersten beiden Bände vor, die die Zeiträume 1951 bis 1957 sowie 1958 bis 1963 umfassen. Es gibt jede Menge Fotos, Programmzettel, Kritiken, faksimilierte Eintrittskarten. Sängerinnen und Sänger, die bei den Konzerten mitwirkten, kommen zu Wort.
Eine große Zeit wird in diesen Büchern heraufbeschworen. Wer sich darin vertieft, hat Anteil und ist ein bisschen selbst dabei. Es ist, als ob es aus den Seiten herausklingt. Zumindest aber macht es groß Lust, die eigenen Aufnahmen unter Richter oder mit Richter an der Orgel wieder aus dem Regal zu holen und neu zu hören. Zum Glück ist ja kein Mangel daran.
Interessant sind die Besetzungen. Sie sind nicht deshalb hochkarätiger, weil einem Starrrummel gefrönt wird. Es geht allein darum, ein bestimmtes Werk in der bestmöglichsten Form zur Aufführung zu bringen. Richter war immer auf Vollendung aus. Die großen Chorwerke Johann Sebastian Bachs kehren immer wieder, einmal aus gegebenen Anlass im Kirchenjahr, andererseits aber wird deutlich, wie sehr der Dirigent nach immer besserer Form suchte. Ein Gutteil der Fotos zeigt ihn dabei. Richter arbeitete sehr konzentriert und streng. Dann kommt er plötzlich mit der Zigarette im Mund um die Ecke oder sitzt vergnügt beim Wein. In den Dokumentationen wird Wert darauf gelegt, Karl Richter als Ganzes zu zeigen – als Musiker und als Privatmann. Das macht den Charme der Bücher aus. Auf die Fortsetzung darf man sich freuen. Wer mehr wissen will, dem sei auch ein Besuch der Internetseite www.karlrichtermunich.blogspot.com empfohlen.
Sebastian Sternberg,
ORPHEUS